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Eine Zeitungsanzeige wider das Vergessen der Naziopfer



Mit einer Annonce kämpft der Backnanger Herbert Leis um Wiedergutmachung für Elsa Santo und Wladislaw Maslyk

Backnang. Eine Anzeige auf der Familienseite der Stuttgarter Zeitung hat gestern Aufmerksamkeit erregt. Der Backnanger Herbert Leis hat sie aufgegeben, weil er gegen das Vergessen der Naziopfer Elsa Santo und Wladislaw Maslyk ankämpft.

Von Jürgen Veit

Das Schicksal des Liebespaares Elsa Santo und Wladislaw Maslyk hat den 83-jährigen Backnanger Herbert Leis tief bewegt. Als Mitglied des Historischen Vereins für Mittelbaden hat er von der Geschichte der beiden Naziopfer erfahren, die der Lehrer und Heimatforscher Gerhard Finkbeiner in der Vereinszeitschrift "Die Ortenau" aufgeschrieben hat. Es geht nicht nur um die Liebe zwischen der Grafenhausener Bauerntochter und dem polnischen Zwangsarbeiter, sondern auch um den "erfolglosen Kampf" ihrer gemeinsamen Tochter Johanna um Wiedergutmachung. "Im KZ geschunden, unter Aktendeckeln begraben" ist der Titel der Geschichte, die unter der Adresse http://www.santo-maslyk.de auch im Internet zu lesen ist.
Für Herbert Leis war der 27. Januar, der Gedenktag anlässlich der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, Antrieb, die Annonce in der Stuttgarter Zeitung aufzugeben. Für ihn ist es eine "Anzeige gegen das Vergessen".
Nach der Dokumentation Finkbeiners wird Elsa Santo am 4. Juni 1906 in Grafenhausen in der Ortenau geboren. Im Alter von 23 Jahren wird sie von ihren Eltern mit einem Brauereibesitzer verheiratet, von dem sie im Mai 1941 wieder geschieden wird. Auf den elterlichen Hof zurückgekehrt, verliebt sie sich in den polnischen Zwangsarbeiter Wladislaw Maslyk. Über Monate hinweg verbergen die beiden ihre Beziehung, bis Elsa ein Kind erwartet. Aus Angst vor dem Rasseschandegesetz flieht die Schwangere nach Polen in Wladislaws Elternhaus, wo sie allerdings keine Zuflucht findet - dessen Vater wurde von deutschen Soldaten ermordet, seine Mutter ist wegen ihrer jüdischen Abstammung nach Frankreich geflüchtet. Dennoch bleibt Elsa in Polen und führt in Wlodawa die Gaststätte "Das Deutsche Haus". Am 1. März 1943 bringt sie ihre Tochter Johanna zur Welt. In einem Brief an ihre Eltern behauptet sie, den Säugling gefunden zu haben, ihn nun adoptieren zu wollen. Die Dorfbewohner ahnen jedoch die Wahrheit, und eine nahe Verwandte erzählt den örtlichen NS-Behörden von Elsa Santos Verhältnis zu dem polnischen Zwangsarbeiter Wladislaw. Der wird daraufhin verhaftet und in Handschellen aus dem Dorf geführt. Wenige Tage später erreicht die Menschen in Grafenhausen die Nachricht, er sei in Durbach bei Offenburg erschossen worden, er gilt bis heute als vermisst.
Elsa Santo flüchtet im Juli 1944 mit ihrer 18 Monate alten Tochter vor den nach Westen vordringenden russischen Truppen ins thüringische Jena, wo sie am 22. November in der Wohnung ihrer Vermieter, der Familie Sichting, von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebracht wird. Die kleine Johanna kann glücklicherweise bei der Familie Sichting bleiben.
Im Konzentrationslager geht Elsa Santo durch die Hölle, nur der Gedanke an ihre Tochter hält sie am Leben. Am 28. April 1945 gelingt ihr kurz vor Kriegsende die Flucht. Sie holt ihre Tochter in Jena ab und kehrt nach Grafenhausen auf den elterlichen Hof zurück.
1950 wird Elsa Santo von der "Dienststelle für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung" in Offenburg als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt, dem badischen Ministerium der Finanzen, wird empfohlen, ihr eine Haftentschädigung zu zahlen. Was 1951 mit folgender Begründung jedoch abgelehnt wird: "Der Haftgrund lag im Umgang mit dem polnischen Zwangsarbeiter." Viele Jahre lang kämpft Elsa Santo um Wiedergutmachung - vergeblich. Am 18. April 1961 stirbt sie im Alter von 55 Jahren "an den Folgen der im Lager erlittenen körperlichen und seelischen Qualen" wie es in den Recherchen Finkbeiners heißt. Ihre Tochter Johanna kämpft bis heute an den verschiedensten Stellen vergebens um Wiedergutmachung.
In Herbert Leis hat sie einen Mitstreiter gefunden, der sich dafür einsetzt, dass Elsa Santo wenigstens eine "symbolische Ehrung" zuteil wird. Im Dezember hat der 83-Jährige gar ein Gnadengesuch beim Bundespräsidenten Horst Köhler eingereicht, welches von einem Mitarbeiter unter Bedauern und Betroffenheit abgelehnt worden sei, weil "das Bundespräsidialamt dafür nicht zuständig sei".

Artikel aus der "Fellbacher Zeitung" vom 01.02.2006